Die steigende Inanspruchnahme von Komplementärmedizin in onkologischen Populationen ist wissenschaftlich belegt (Horneber et al. 2012) insbesondere bei den Brustkrebsüberlebenden ist ein Anstieg auf 80% zu verzeichnen (Boon et al. 2007) und jede zweite gynäkologisch-onkologisch erkrankte Frau ergänzt seit der Diagnosestellung ihre Therapie komplementärmedizinisch (Fasching et al. 2007). Um die Bedürfnisse der Patienten ganzheitlich zu behandeln wird in aktuellen S-3 Leitlinien empfohlen zumindest alle onkologisch erkrankten Patienten auf das Thema Komplementärmedizin anzusprechen.

Leitlinie CAM Originaltext Wann erschienen Empfehlungsgrad*
S3 LL Mammakarzinom CAM Alle Patientinnen sollten befragt werden, ob sie komplementäre und/oder alternative Therapien in Anspruch nehmen. Patientinnen, die solche Verfahren einsetzen, sollen auf mögliche Risiken und ggf. auf Interaktionen mit Standardtherapien hingewiesen werden. Die im Rahmen von komplementären und alternativen Therapiekonzepten angebotenen diagnostischen Maßnahmen, die auf wissenschaftlich nicht belegten Konzepten und/oder falschen Interpretationen von Zusammenhängen der Körperfunktionen basieren, sollten nicht empfohlen werden. Langversion 3,0, Aktualisierung 2012 GCP* sollten = stark indiziert
S3 LL Kolorektales Karzinom CAM Komplementäre Verfahren beruhen auf unterschiedlichen Methoden und Substanzen, die zum Teil aus der Naturheilkunde stammen oder auf andere Weise Gedanken eines ganzheitlichen Therapiekonzepts verfolgen. Sie ersetzen keine aktive antitumorale oder supportive Therapie, sondern stellen ergänzende Methoden dar, die es dem Patienten ermöglichen, selbstständig tätig zu werden. Version 1.1 - August 2014 keine Angabe
S3 LL Kolorektales Karzinom CAM Beratung Komplementäre Therapien können Neben- und Wechselwirkungen haben. Deshalb ist es sinnvoll, dass eine Beratung zu komplementärmedizinischen Behandlungen durch onkologisch erfahrene ärzte durchgeführt wird. Version 1.1 - August 2014 keine Angabe
S3 LL Zervixkarzinom CAM Beratung Eine Beratung zu Komplementären und Alternativen Methoden (CAM) sollte erfolgen. Wenn Patientinnen entsprechende Methoden anwenden, sollte dies erfasst werden.“ Version 1.0 – September 2014 GCP*
sollten = Empfehlung
Alternativmedizinische Behandlungsoptionen, d. h. Maßnahmen, die unter Verzicht auf Methoden der konventionellen Medizin versuchen, Frauen mit Zervixkarzinom zu behandeln, sollen abgelehnt werden. Version 1.0 – September 2014 GCP*
sollten = Empfehlung
S3 LL Prostatakarzinom Nach einer PCa-Diagnose ist zu beobachten, dass ein hoher Prozentsatz von Männern (sowohl nach RPE als auch unter Aktiver überwachung) zumindest kurzfristig den Lebensstil ändert. Männer vor der Entscheidung für Aktive überwachung und unter Aktiver überwachung scheinen dabei eine besondere Patientenpopulation zu repräsentieren. Da ein passives Abwarten mit erhöhtem Stress verbunden ist [274], kann angenommen werden, dass Männer unter dieser Therapieoption eine noch höhere Bereitschaft als operierte Männer haben, ihre Lebensqualität zu erhalten und ihre krankheitsangst zu reduzieren sowie nach ergänzenden Behandlungsoptionen zu suchen und/oder ihren Lebensstil zu ändern (Ernährung, körperliche Aktivität, komplementärmedizinische Maßnahmen) [275]. Mehrere Studien zeigen, dass zusätzliche Strategien wie z. B. eine besondere Diät oder auch komplementäre Therapien am ehesten mit der Partnerin besprochen werden (z. B. [276]. Von den Männern werden die Partnerinnen als wichtigste Unterstützungsquelle genannt (Vgl. auch van den Bergh et al. [277; 278]). Langversion 4.0 - 2. Dezember 2016 keine Angabe

*Statements/Empfehlungen, für die eine überarbeitung auf der Grundlage von Expertenkonsens der Leitliniengruppe beschlossen wurde, sind als solche ausgewiesen mit der Graduierung "GCP". Für die Graduierung wurden keine Symbole verwendet, die Stärke der Empfehlung ergibt sich implizit aus der Syntax (soll/sollte/kann).

1.1 Die wichtigsten S3 Leitlinien für die onkologische Versorgung in der Hausarztpraxis

Weitere Information über die evidenzbasierte Anwendung von Komplementärmedizin bei onkologischen Patienten können Sie hier in folgenden S3 Leitlinien finden:

Leitlinie Wann erschienen Indikation CAM Empfehlungsgrad Bemerkung
S3 LL Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen Langversion 1.0 - April 2017 Übelkeit Cannabinoide Empfohlen Halluzinogenen Effekt beachten
Übelkeit Ingwer Empfohlen Antiemetischer Effekt auch in der Akutphase
Diarrhoe Heilerde Nicht empfohlen, A, 1b Studienlage nicht ausreichend
Diarrhoe Synbiotika Empfohlen, O, 1b Cave bei Immunsuppression
TCM unklar Schwermetallbeimengung in Kräutern beachten
Orale Mukositis Salbei, Capsaicin, Glutamin, Honig, Kamille, Kamillosan, Kaugummi, Kefir, Rhodiola algida, Vitamin A, E, Kombinationen von Vitaminen Nicht empfohlen, 5 Studienlage nicht ausreichend. Einzelne Studien zu Honig und Salbei mit positivem Effekt
Neuropathie Alphaliponsäure nicht empfohlen, A, 1b Studienlage nicht ausreichend
Akupunktur nicht empfohlen, EK Studienlage nicht ausreichend
Capsaicin nicht empfohlen, EK Pflastertherapien mit Anwendung von Capsaicin 8 %ig oder Lidocain 5 %
Menthol nicht empfohlen, EK Topische Therapie mit 1%igem Menthol
Osteoporose Vitamin D Empfohlen, B 1a 800-1000 IE tgl.
Fols&auuml;re Unklar, EK Überdosierung meiden
Enteropathie Tinctura opii Empfohlen, B, 5 Bei Loperamid-therapieversagen
Proktitis Hyperbare Sauerstofftherapie Empfohlen, O, 2b Bei anhaltender rektaler Blutung
Vitamin A,C,E Unklar, 2b Studienlage nicht ausreichend
Radiodermatitis Calendula Empfohlen, O, 1b Kontaktdermatitis bedenken
WobeMugos (Enzympräparat) Unklar Studienqualität nicht ausreichend
Honig Unklar Wundauflagen wurden berücksichtigt
Xerostomie Akupunktur Empfohlen, O, 2b Subjektive und objektive Parameter eingeschlossen
Strahlenfolge am ZNS Boswellia Unklar, 2b Ödemprophylaxe und –therapie nicht beurteilbar
S3 LL Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung Langversion 1.1 - Mai 2015 Obstipation Bauchdeckenmassage, Kolonmassage nach Vogler, Wärmeanwendung, Wickel, ätherische Öle Unklar Studienlage nicht ausreichend
Depression Kreativtherapie, Achtsamkeit, Musiktherapie, Aromatherapie, Akupunktur Empfohlen, EK Verbessert die Lebensqualität
S3 LL Ovarialtumore Version 2.0 - Oktober 2016 keine
S3 LL Zervixkarzinom Version 1.0 - September 2014 Verstärkung der Tumortherapie Hyperbare Sauerstofftherapie Nicht zu empfehlen Kein klinischer Stellenwert
Phytotherapie unklar Studienlage noch nicht ausreichend
Gesamtüberleben Misteltherapie Nicht zu empfehlen Einzige Studie beim Zervix-Ca zeigt einen Vorteil, jedoch mit Studienmängel
NW der Radiatio lindern Enzymtherapie Unklar Weitere Studien sinnvoll
Mikronährstoffe Unklar Vitamin A könnte eine Bedeutung erlangen
Phytotherapie Unklar Studienlage noch unklar
Depression Healing touch Unklar Angebrachte Studie noch nicht ausreichend
S3 LL Mammakarziom Langversion 3.0 Aktualisierung 2012 Lebensqualität und Fatigue Bewegung, Ausdauertraining Empfohlen, A 1a Mehr als 2-3 Stunden pro Woche empfohlen
Übelkeit, Erbrechen Akupressur, Entspannung, Massagen Empfohlen Zur Unterstützung medikamentöser Therapie
Akupunktur Empfohlen Additiv zur Schmerztherapie nach WHO-Schema
Hormonentzugserscheinung Cimicifuga Empfohlen Bei antihormoneller Therapie
Homöopathie Nicht empfohlen Studienlage noch unklar
Schlafstörung, Lebensqualität Meditation, Achtsamkeitsübung Empfohlen Auch klassische Entspannungsverfahren sinnvoll
S3 LL Kolorektales Karzinom Version 1.1 - August 2014 Primär- und Tertiär-Prävention Vitamin A, C, D, E, Folsäure, Ca, Mg, Selen Keine Empfehlung, B Studienlage unklar
Gesamüberleben Mistel Nicht empfohlen Nur zur Lebensqualität einsetzbar
Homöopathie, Heilpilze, alternative Methoden Nicht empfohlen Studienlage nicht ausreichend
Rezidivprophylaxe Grüner Tee Nicht empfohlen Nur präklinische antitumorale Wirkung
S3 LL Prostatakarzinom Langversion 4.0 - 2. Dezember 2016 Prävention Gesunde Lebensweise Bewegung, Ernährung Empfohlen, A, 4 Dazu soll beraten werden

1.2 Folgende Kernfragen können Ihnen den Gesprächseinstieg erleichtern:

Wenn Ihr Patient einen onkologischen Krankheitshintergrund hat, sprechen Sie ihn darauf an, auch wenn der Patient den Nachsorgeplan von einem anderen Facharzt ausgestellt bekommen hat.

  • Frau Sommer, Ihre Tumorerkrankung liegt nun schon seit 1.5 Jahren zurück. Haben Sie die Diagnose und die Initialtherapie soweit physisch und psychisch gut verarbeitet?
  • Viele Tumorpatientinnen leiden Monate, ja sogar Jahre nach der Erstbehandlung noch an starken Begleiterscheinungen. Ich bin daran interessiert zu hören, wie es bei Ihnen aussieht und ob es evtl. noch Optimierungsbedarf in einigen Bereichen gibt. Ich bin zuversichtlich, dass ich Ihnen da evtl. was Gutes anbieten könnte.
  • Leiden Sie an Fatigue, also Erschöpfung oder Müdigkeit über das normale Maß hinaus? Sorgen Sie sich um ein Rezidiv? Haben Sie das Bedürfnis Ihre Lebensqualität zu steigern? Haben Sie Interesse an sozialen aktiven Gruppen mit Bewegungs- oder Gesprächsprogrammen?

Weitere Ideen und Informationen können Sie in diesen Leitfäden finden, welche allerdings speziell für Onkologen und nicht für Hausarztpraxen erstellt wurden:

  1. Schofield P, Diggens J, Charleson C, Marigliani R, Jefford M. Effectively discussing complementary and alternative medicine in a conventional oncology setting: communication recommendations for clinicians. Patient Educ Couns. 2010;79(2):143-51.
  2. Huebner J. Komplementäre Onkologie: supportive Maßnahmen und evidenzbasierte Empfehlungen. Stuttgart: Schattauer Verlag; 2008.
  3. Weyland P. Psychoonkologie - das Erstgespräch und die weitere Begleitung. Stuttgart Schattauer Verlag; 2013.